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Offener Brief

Offener Brief (höherer) Ordensoberinnen und Ordensoberer

an Ministerpräsident Horst Seehofer

Sehr geehrter Herr Ministerpräsident Seehofer,

Nichts bewegt die Menschen in unserem Land in den letzten Monaten so sehr wie die Situation der vielen Geflüchteten, die bei uns Zuflucht suchen. Sie kommen zu uns, weil sie vor Krieg, Verfolgung und Hunger flüchten. Bei uns hoffen sie, auf ein Land zu treffen, in dem sie geachtet werden unabhängig davon, welcher Religion und Nation sie angehören, welche politisch-demokratische Gesinnung sie vertreten und ob sie arm oder krank sind.

Weil in ihren Heimatländern jede Perspektive fehlt, ihre Familien durch redliche Arbeit zu ernähren, wollen sie ihre Arbeitskraft bei uns einsetzen und damit ihr tägliches Brot verdienen.

Als Ordensleute kennen wir nicht nur viele Geflüchtete und setzen uns für sie ein. Wir sehen uns auch gedrängt, unsere Stimme für sie zu erheben, denen aufgrund der traumatischen Erfahrungen auf der Flucht und den vermehrt auch in unserem Land besorgniserregenden Stimmungen die Kraft fehlt, sich zu Wort zu melden.

Als Ordensleute nehmen wir mit brennender Sorge wahr, wie auch in unserem Land rechtsnationale Kräfte und Meinungen wieder sprach- und öffentlichkeitsfähig werden, die ein Klima der Angst und Bedrohung schüren und gegen Geflüchtete und Menschen anderer Religionen hetzen und inzwischen schon tätlich gegen sie vorgehen.

Als (höhere) Ordensoberinnen und Ordensobere, deren Gemeinschaften sich international zusammensetzen, wissen wir nicht nur, wie unmöglich die Lebenssituation in vielen Ländern unserer Welt geworden ist. Wir stellen auch beschämt fest, wie sehr unser Reichtum auf dem Rücken der Men-schen in Afrika, Asien und dem Vorderen Orient erwirtschaftet wurde.

Weil wir wissen, dass Ihnen, sehr geehrter Herr Ministerpräsident Seehofer, die Meinung der Bevölkerung wichtig ist, richten wir heute das Wort an Sie – wissend, dass viele Menschen alle Kräfte einsetzen, um den Geflüchteten beizustehen.

  • Wir appellieren an Sie, dringend von einer Rhetorik Abstand zu nehmen, die Geflüchtete in ein zwielichtiges Licht stellt. Wir plädieren vielmehr dafür, in den politischen Debatten und Entscheidungen die Geflüchteten zuerst als Mitmenschen zu sehen, die als Schwestern und Brüder zu uns kommen und unsere Solidarität brauchen.
  • Wir appellieren an Sie, unbedingt von der Maßnahme Abstand zu nehmen, Transitzonen und Auffanglager einzurichten. Wir plädieren vielmehr dafür, auch die Asylanträge von Geflüchte-ten aus sog. „sicheren Herkunftsstaaten“ individuell und mit einem wohlwollenden Blick auf die Schicksale dieser Menschen zu prüfen. Denn nur die Einzelfallprüfung entspricht dem Grundgedanken unseres deutschen Asylrechts.
  • ­Wir appellieren an Sie, sich einzusetzen, dass die Erklärung, die Westbalkanstaaten Bosnien, Serbien, Mazedonien, Albanien, den Kosovo und Montenegro als sog. „sichere Herkunftsstaaten“ zu deklarieren, wieder zurückgenommen wird. Wir plädieren vielmehr dafür, die Korruption und damit Willkürherrschaft sowie die Unterdrückung von Minderheiten ernst zu nehmen, die in diesen Ländern nach wie vor herrschen und Menschen Angst machen und zur Flucht drängen, und den Status als „sicheres Herkunftsland“ solange auszusetzen, bis die demokratischen Kräfte in diesen Ländern sichtbar weiter gekommen sind als dies bislang der Fall ist.
  • ­Wir appellieren an Sie, den oft menschenunwürdigen Zuständen in den Flüchtlingsunterkünften Einhalt zu gebieten und die in manchen Unterkünften eingeführten Kontrollen der Ge-flüchteten abzustellen. Wir plädieren vielmehr dafür, auf allen Ebenen der Politik und Gesellschaft – im Bereich der Schulen, Universitäten, Handwerkskammern u.a. – Regelungen zu finden, die es den Geflüchteten erlauben, möglichst schnell für sich und unser Land an einer menschenwürdigen Zukunft zu bauen.

Als Menschen ist es unsere Pflicht, anderen zu helfen. Als Christinnen und Christen treten wir ein für eine Kultur des Teilens. Als Ordensleute solidarisieren wir uns mit den Geflüchteten in vielfältigen Engagements, Hilfsaktionen und konkreten Initiativen. Damit stehen wir an der Seite aller Menschen guten Willens, die sich in unserem Land so überwältigend für die Geflüchteten einsetzen. Diese Hilfsbereitschaft, dieser oftmals ehrenamtliche Einsatz, der auch ungewöhnliche Anstrengungen nicht scheut, ist unseres Erachtens ein Schatz, mit dem es zu wuchern und Gesellschaft zu gestalten gilt.

Wir bitten Sie, sehr geehrter Herr Ministerpräsident Seehofer, deshalb dringend, die Kräfte in unserer Gesellschaft zu stärken, die in der jetzigen Situation eine Pflicht zum Handeln und eine Chance sehen, einen Maßstab von Menschlichkeit aufzurichten, der auf Solidarität und dem Einsatz für Be-nachteiligte fußt. Dieser kann wegweisend sein nicht nur für heute, sondern auch für die nachkom-menden Generationen. Darin kann unseres Erachtens die Basis gelegt werden für eine friedliche, solidarische und auch die Benachteiligten integrierende Gesellschaft.

Als (höhere) Ordensoberinnen und Ordensobere, deren Gemeinschaften in pädagogischen, pastoralen, pflegerischen und prekären Arbeitsbereichen tätig sind, wissen wir, dass die Werte Europas sich daran bemessen lassen müssen, wie wir mit Menschen umgehen, die in Not sind. Abschottung, Grenzen und Begrenzungen sind für uns keine Lösung. Kreativität, guter Wille und eine Mentalität, die dem Teilen mehr zutraut als der Sorge nur für das eigene Wohlergehen, sind für uns zukunftsweisende Wege, für die wir uns einsetzen.

Wir hoffen auf Ihre Unterstützung und verbleiben mit freundlichen Grüßen

 

 

 

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