„Die Gegenwart von Musilimen ist nicht Islamisierung“

Interview: Andreas Hüser, Neue KirchenZeitung

Gudrun Steiß, Leiterin der Pastoralen Dienststelle, hat 23 Jahre lang in Frankreich gelebt. Die Schwester vom Orden der Xavières kennt die Vorstädte, in denen junge Leute nordafrikanischer Herkunft ohne Zukunft und Bildung leben, wo Hassprediger ein leichtes Spiel haben. Und sie hat eine Idee davon, wie es anders geht.

Ist das Verhältnis zwischen Christen und Muslimen in Frankreich anders als in Deutschland?

Ja, es gibt große Unterschiede zwischen Frankreich und Deutschland. Im Unterschied zu Deutschland herrscht in Frankreich seit 1905 eine radikale Trennung von Kirche und Staat. Es gibt fast keinen öffentlichen Bereich, in den die Kirche hineinkommt. Religionsunterricht existiert nur in katholischen Schulen, in der Pfarrei oder in Internaten; religiöse Symbole sind verboten. Dass ein Bürgermeister zum Dreikönigsfest „Gottes Segen“ wünscht, wäre undenkbar. Das führt dazu, dass die religiöse Frage in Frankreich völlig ins Private zurückgedrängt wird. Christen haben sich daran gewöhnt, Muslime empfinden das als Unterdrückung. Und eine Folge der Säkularisierung ist eben die fehlende religiöse Bildung. Ich habe einmal Religionsstunden für muslimische, christliche und jüdische Schüler gegeben. Von ihrer Religion wussten die gar nichts.

Welche Rolle spielt die soziale Situation von Einwanderern aus muslimischen Ländern?

Auch das ist anders als in Deutschland. 95 Prozent der Muslime kommen aus Nordafrika. Es sind zum großen Teil Algerier, die schon vor der Unabhängigkeit Algeriens französische Staatsbürger waren und sich als Franzosen fühlen. Hier beginnt das Problem: Diese Menschen haben sich seit Generationen nicht als gleichberechtigt erlebt. Sie haben kaum Chancen auf Bildung, gute Arbeitsplätze oder auf sozialen Aufstieg. Das französische Ideal der Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit ist für sie keine Realität. Viele werden in solche „Banlieues“ (Vorstädte) gedrängt, in denen fast ausschließlich Arme leben. In Marseille kenne ich solche Ghettos, die von der staatlichen Infrastruktur nicht mehr erreicht werden. Polizei oder Feuerwehr gehen da nicht mehr hin.

Heißt das automatisch: In den Vorstädten blüht der religiöse Extremismus?

Die meisten Muslime in Frankreich sagen: wir wollen einen französischen Islam. Wir wollen keinen islamischen Staat. Aber in die Ghettos gehen gezielt radikale Gruppen hinein und bekommen dort Zulauf. Sie treffen dort auf Jugendliche, die über Religionen, auch über den Islam, fast nichts wissen. Denen kann man dann leicht sagen: „Ihr dürft Andersgläubige umbringen. Der Prophet sagt das.“ Dass damit der Koran und der Islam verzerrt wird, bekommen die Leute gar nicht mit.

Kann man umgekehrt auch für die Verhältnisse in Deutschland sagen: Religiöse Bildung ist ein Mittel gegen religiösen Extremismus?

Ja. Je weniger ich gebildet bin, desto leichter kann ich manipuliert werden. Das gilt auch für Christen. Ein Beispiel: Was bedeutet Muslimen das Wort „Islam“? Einige sagen: Islam bedeutet „Unterwerfung“. Damit ist schon eine negative Wertung ausgedrückt. Ich kann „Islam“ aber auch anders übersetzen: „Mich in allem Gott übergeben, um alles von Gott zu empfangen.“ Wenn ich über eine andere Religion spreche, reicht es nicht, in meinen eigenen Begriffen und meinem Wertesystem zu denken. Ich muss verstehen, was für die anderen wichtig ist. Ramadan ist eben nicht Fastenzeit auf muslimisch. Und auch das Wort „Dschihad“ hat verschiedene Bedeutungen, unter anderem „Kampf gegen meinen eigenen Unglauben“.

In Hamburg wird es demnächst interkonfessionellen Religionsunterricht geben. Dabei können auch muslimische Lehrer christliche Kinder unterrichten und umgekehrt. Was halten Sie davon?

Ich habe im Studium eine wirklich sehr gute religionswissenschaftliche Einführung in den Islam bekommen. Islam und Buddhismus gehörten zu meinen Studienschwerpunkten. Trotzdem wäre ich nicht in der Lage, muslimischen Kindern beizubringen, was ihren Glauben im Innersten bewegt. Ich könnte für sie keine glaubwürdige Vertreterin ihrer Religion sein. Das Ziel dieses Religionsunterrichts für alle ist völlig richtig, den Weg hätte ich nicht gewählt.

Brauchen wir mehr „Interreligiösen Dialog“? Und wie kann dieser aussehen?

Für die katholische Kirche in der Welt von heute geht es nicht mehr um die Frage, wollen wir diesen Dialog? Sondern nur noch darum: Wie setzen wir es um? Das haben die päpstlichen Dokumente, die sich seit dem Zweiten Vatikanischen Konzil mit den nichtchristlichen Religionen beschäftigen, deutlich gemacht. Dialog findet danach in vier Formen statt: Dialog in der Theologie, Dialog der Werke, Dialog des Betens – etwa das Friedensgebet in Assisi – und den Dialog des Alltags. Dialog des Alltags heißt einfach: Mit meinem muslimischen Nachbarn zusammen leben, ihm Respekt zeigen auch gegenüber seiner Religion, ein gutes Neujahrsfest oder Fastenbrechen wünschen.

Ist das schon ein Mittel gegen radikalen Islamismus?

Pierre Claverie, der 1996 ermordete algerische Bischof, hat auf die Frage „Was können wir tun?“ gesagt: „Es gibt eines, das Sie tun können: Dass in Ihnen und mit den Menschen um sie herum Frieden wird.“ Friede entsteht da, wo Menschen sind und friedlich miteinander leben. Das ist auch unsere Erfahrung in der Versöhnung von Deutschen und Franzosen. Die vielen Städte- Partnerschaften und persönlichen Begegnungen nach dem Krieg haben aus den Feinden Freunde gemacht.

Im Moment sieht es eher anders aus: Die muslimischen Nachbarn, mit denen wir nie Probleme hatten, geraten in den Verdacht, etwas mit islamistischem Terror zu tun zu haben.

Es ist meine große Sorge, auch eine pastorale Sorge: Wie können wir es verhindern, dass wir in eine Angstfalle kommen und alle Muslime mit Terroristen gleichsetzen? Ich habe Verständnis dafür, dass die Menschen verunsichert sind. Auch ich fühle Ohnmacht und Trauer, auch Wut. Trotzdem müssen wir so aufgeklärt mit dieser Bedrohung umgehen. Wir können nicht einfach wie „Pegida“ von einer Islamisierung des Abendlandes sprechen. Die Gegenwart vom Muslimen ist nicht Islamisierung. Wer das behauptet, hat keine Ahnung.

Viele Menschen tragen ein Schild „Je suis Charlie“ („Ich bin Charlie“), um sich mit den Opfern des Mordanschlags zu solidarisieren. Sie auch?

Nein. Ich empfinde mit den Opfern und ihren Familien. Aber ich bin nicht „Charlie“. Ich glaube, dass „Charlie Hebdo“ oft die Verantwortung missbraucht hat, die auch eine satirische Publikation hat. Freiheit endet immer bei der Freiheit und Würde des anderen. Es gab in Charlie Hebdo Karikaturen, die andere Menschen tief verletzen und beleidigen mussten. Noch dazu in einer Situation in Frankreich, wo eben diese Menschen sich als ohnmächtig fühlen. Sie erfahren, dass sie ihren Glauben kaum öffentlich ausdrücken dürfen. Auf der anderen Seite herrscht Meinungsfreiheit, die alles darf.

In Deutschland ist auch die katholische Kirche zu Genüge Zielscheibe für satirische Übertreibung. Wie sollte man darauf reagieren?

Toleranz hat ihre Grenzen. Wir sollten nicht jede Beleidigung einfach hinnehmen, sondern im Zweifelsfall die rechtlichen Möglichkeiten nutzen. Aber Satire spiegelt ja immer eine Wirklichkeit wider, meistens keine angenehme. Damit müssen wir uns auseinandersetzen und fragen: Was wird da angeklagt? Ist etwas Wahres daran? Sonst kommen wir in eine Opferrolle, die uns nicht weiter hilft.